2018

Ich bin Ossi. Geboren 1984 in Ostberlin mit Verwandtschaft in Berlin, Brandenburg, Thüringen und Sachsen. Eine Zeit lang habe ich in Schwerin gelebt und gearbeitet, plane aktuell mit meiner Familie einen Umzug nach Brandenburg und seit einiger Zeit sitze ich vor den Nachrichten und denke mir „jetzt sind alle diese Abendbrotstisch- und Stammtischdebatten der letzten 20 Jahre in der politischen Diskussion angekommen“. Und es knallt. Die einen sind „besorgt“, die anderen „irritiert“ und irgendwie verstehe ich beide. Ich verstehe, dass sich meine Verwandtschaft aus dem Erzgebirge aus vielen seit ’89 nicht diskutierten Gründen Sorgen macht, von denen Zuwanderung nur eine ist und ich verstehe, dass sich meine Berliner Freunde Sorgen machen vor denen, die sich Sorgen machen und vor Allem vor deren gewählten Repräsentanten, die meinen Freunden und Verwandten gegenüber direkt und indirekt Drohungen aussprechen.

Und nun?

Ich bin kein Freund von Gut/Böse-Szenarien. Ich verstehe, dass jemand ein guter Familienvater sein und dennoch kritisch zum Familiennachzug stehen kann und ich verstehe auch, dass man sich als Berliner jüngerer Generation wenig Sorgen über den Zuzug von Muslimen macht. Mir geht es ja selbst so. Und dass man anderen gegenüber deshalb als „naiv“ erscheint.

Ich bin heute 33 und habe Freunde in allen großen monotheistischen Religionen und mit unterschiedlichen Hautfarben. Und ich benutze Worte wie „monotheistisch“, was die Verwandtschaft aus Sachsen zu Sätzen bringt wie „Du redest wie’n Wessi“, während ich die Kränkungen der „Wendegenerationen“ aus eigenem Erleben und Aufwachsen nur allzu gut kenne und verstehe und mich selbst regelmäßg frage, warum die Wende so einseitig abgewickelt wurde, was ich für ein riesiges Problem halte und was mich raurig macht. Es gibt noch mehr Regine Hildebrandts in ostdeutschen Haushalten, und warum schaffen die es nicht in die Politik oder besser: warum machen ihnen die Parteien keine besseren Angebote?

Und wo sind die ganzen Ostkünstler jenseits von Puhdys, City, Karat und Jan-Josef Liefers hin?

Es gibt eine kulturelle Spaltung, die man nicht abstreiten kann und wollen sollte. Schon seit den 90ern. Als Berliner mit Mitte 30 stehe ich mit meiner Lenbensweise und meinen Ansichten einem Gleichaltrigen aus Chicago oder Paris vermutlich sehr viel näher, als der Cousine aus dem Erzgebirge oder Bekannten aus der Kurpfalz, die ihrerseits vermutlich mehr miteinander gemeinsam haben, als sie ahnen. Die Frage ist, wie man damit umgeht.

Seit einiger Zeit haben „wir“ uns angewöhnt, zu kategorisieren. Seitdem teilen wir undiferenziert ein in „Linke“ und in „Besorgte Bürger“, um es mal etwas abzukürzen und die freundlicheren Begrifflichkeiten zu wählen. Die Begrifflichkeiten sind viel zahlreicher, aber immer geht es um Abwertung und was mir wirklich Sorgen macht: um unbedingte Deutungshoheit.

Die genutzten Begriffe lassen keinerlei Spielraum mehr für Kompromisse. Es geht um Durchsetzung um jeden Preis. Wie weit kann man eskalieren, bis es „richtig“ knallt? Und was bedeutet das für mein Umfeld? Die „Linken“ und „Besorgten Bürger“ sind ja nicht nur „Linke“ und „Besorgte Bürger“, sondern in erster Linie Familie, Partner und Freunde. Und was bedeutet das für die Welt, in die meine Kinder hineinwachsen und in der ich selbst noch lange leben möchte? Was bedeutet es, wenn beide Seiten die eigenen Maßstäbe als zwingend maßtäblich für alle ansehen?

„Meine“ Seite des Meinungsspektrums hat sich angewöhnt, „cool“ sein zu wollen und „drüber zu stehen“ und ich verstehe, dass das als Arroganz rüberkommt, aber wie soll man anders reagieren auf eine Rhetorik, die (wahrgenommen) keine sachliche Debatte zulässt, weil sie ausschließlich auf der Grundlage subjektiver Ängste aufbaut und immer weiter eskaliert? Die Aufgabe von Politik ist es natürlich auch, auf Ängste zu reagieren, ich glaube aber nicht, dass sie Ängste in das Zentrum ihres Handelns stellen sollte. Andererseits kann man nicht einfach sagen „eure Sorgen machen objektiv betrachtet keinen Sinn; Guck, hier die Statistik“.

Wo ist die rhetorische und inhaltliche Haltelinine, an der man sich trifft und gemeinsam überlegt, wie man in Zukunft miteinander leben will, wenn sich Familien und Freunde nicht gegenseitig den Schädel einschlagen sollen, weil der andere nicht versteht, dass man selbst „verdammt nochmal“ Recht hat?

Ich habe mir vorgenommen, 2018 weniger „Coolness“ zu wagen und es stattdessen mit Mut zu probieren. Mut zur direkten Auseinandersetzung und vor Allem Mut zur Befriedung und ich hoffe darauf, dass es noch möglich ist, einen Punkt zu finden, an dem man sich wohlwollend mit „dem anderen“ auseinandersetzt und auch Menschlichkeiten zulässt: Fehler, die dem anderen nicht sofort als „typisch“ oder unkorrigierbar ausgelegt werden.

Und man darf ja auch unterschiedlicher Meinung bleiben, solange man nicht aufeinander losrennt.

Es geht mir nicht darum, dass „alle Freunde werden müssen“, aber wenn wir es hinbekommen, für’s Erste bei aller Härte in der Sache wieder respektvoll miteinander umzugehen, wäre das ein toller Anfang, denn es gibt ja eine tatsächliche Frage, die unbeantwortet ist: wie schaffen wir es, jedem Mitglied dieser Gesellschaft die Möglichkeit zu geben, seinen Platz zu finden, egal, ob in Zwickau, Dortmund, Berlin, Greifswald oder Stuttgart und wie schaffen wir es, dass jeder nicht nur eine Platz hat, sondern ein Auskommen hat und sich wertgeschätzt fühlt?

Ich glaube nicht, dass das ein naiver Gedanke ist, denn wenn ich Freunden und Verwandten vor Allem „aus dem Osten zuhöre“, geht es vor Allem darum: einen Platz und ein Auskommen zu haben und wertgeschätzt zu werden. Ich denke, dafür lohnt es sich, zu streiten. Und ich verstehe, dass die Einen zuerst darüber diskutieren wollen, wer „Mitglied dieser Gesellschaft“ ist und die anderen schon über die „Möglichkeiten“ reden wollen. Ich denke, wir sollten beides verbinden und Kompromisse zulassen. Vielleicht wäre das sogar so etwas wie „patriotisch“. Das ist mein Wunsch für 2018.

Schöne Grüße von der winterlichen Ostsee,

Marco Fechner

 

Post Author: Marco Fechner

Fotograf, Interviewer, Optimist, Kaffeetrinker. "Du bist, was Du tust."

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