Frauen, wo seid ihr?

In den vielen Gesprächen, die ich in den vergangenen Jahren vor diesem Blog und später auch für dieses Blog geführt habe, habe ich eine Frage immer mal wieder gestellt: „Wer sind Deine Vorbilder?“

Das Erstaunliche: in den männlichen Antworten tauchten schätzungsweise zu 40% prominente Männer, 40% “Papa“, 10% „Mama“ und 10% prominente Frauen auf. Bei den Frauen waren es vermutlich zu 70% „Mama“, 20% „Papa“ und 10% Prominente verschiedenster Coleur und Geschlechter.

Wo sind die weiblichen Rollenmodelle? Warum ist das so? Warum sind berühmte Frauen oft entweder nur als Beiwerk von berühmten Männern bekannt, oder aus verschiedenen Gründen nicht als Rollenmodell gesamtgesellschaftlich anerkannt? Und was macht es mit einer Gesellschaft, die kaum konsensfähige weibliche Identifikationsfiguren hat, die ihre Rolle nicht nur als „nett, devot und gutaussehend“ definieren, sondern auch mit Inhalt und Haltung?

Ich habe aus diesem Gedanken heraus mal eine eigene Liste von mehr und weniger bekannten Frauen aufgestellt, die ich persönlich aus verschiedensten Gründen maßstäblich finde und mir ist eines aufgefallen: sie alle müssen oder mussten sich damit herumschlagen, dass ihnen andere (nicht selten wir Männer…) erklär(t)en, dass „man sich so nicht verhalte“, man „zickig sei“, „unseriös“ etc. Die Liste der Anwürfe ließe sich beliebig lang mit fast grenzenlos abnehmendem Niveau fortsetzen und ich bin mir sicher, dass ein großer Teil der Kritik nicht bestünde, wenn sie Männer wären.

Ich glaube, wir haben ein ernsthaftes Problem, denn so funktioniert das nicht. Wir müssen Frauen, die sich exponieren, gegenüber diesen Übergriffen verteidigen. Für diese Frauen, für andere Frauen, die noch überlegen, mit ihren Ideen und Gedanken in die Öffentlichkeit zu gehen, sich aber nicht trauen und somit auch für uns als Gesellschaft. Die Lösung des Problems kann nicht darin bestehen, dass Frauen männliches Verhalten übernehmen müssen, um sich durchzusetzen und alle, die das nicht wollen, oder können, durchs Raster fallen. Wie Diskussionen ohne Empathie, dafür aber mit viel Dominanzgehabe aussehen, sehen wir im Moment überall in den Medien. Gerade auch in den „sozialen“ Netzwerken.

Meine Empfehlung (unvollständig) zum Anschauen, Zuhören, Lesen, Lernen und Staunen und mit großem Dank für euren und Ihren Mut:

 

Sookee (Musikerin)
Wikipedia-Eintrag
„Queere Tiere“ 

Hildegard Hamm-Brücher (Politikerin)
„Und dennoch“ – Autobiographie
Rede vor dem Deutschen Bundestag

Isra Abdou (Studentin und Bloggerin)

Isras Blog 
Isra im Podcast-Interview

Anja Reschke (Journalistin)

Wikipedia-Eintrag
 Kommentar von Anja Reschke in der ARD

Carolin Kebekus (Schauspielerin und Comedienne)

Wikipedia-Eintrag
 Webseite von Carolin Kebekus

Kathrin Weßling (Journalistin und Autorin)

Webseite von Kathrin Weßling
Kathrin Weßling bei Facebook

Dunja Hayali (Journalistin)

Wikipedia-Eintrag
Dunja Hayali bei Carolin Kebekus

Frau Kopf (Autorin)

Frau Kopf bei Facebook
Frau Kopfs aktuelles Buch in der „Edition Outbird“
Fotostrecke mit Frau Kopf

Rosa Parks (Bürgerrechtlerin)

Wikipedia-Eintrag

 

(Meine Liste war tatsächlich noch länger, aber z.Bsp. private Freundschaften, die nicht in der Öffentlichkeit stehen, werde ich nicht in selbige ziehen).

Wer sind eure weiblichen Vorbilder?

Post Author: Marco Fechner

Fotograf, Interviewer, Optimist, Kaffeetrinker. "Du bist, was Du tust."

4 thoughts on “Frauen, wo seid ihr?

    Karen

    (Februar 1, 2018 - 5:44 pm)

    Lieber Marco,
    du stellst da eine sehr berechtigte Frage, die mich ziemlich ins Schleudern gebracht hat. Das Konzept Vorbild ist per se etwas kompliziert, weil die meisten real existierenden Personen sowohl tolle als auch weniger tolle Seiten hatten. Vielleich würde ich also eher sagen, dass ich nach Frauen suchte, die mich inspiriert haben. Viele Frauen, die ich gerne genannt hätte, konnte ich gar nicht benennen ohne sie nachzuschlagen. Ich unterstütze also deinen Befund.

    Hier ein paar Namen aus meiner Liste:
    Anita Lasker-Wallfisch, Esther Bejarano und Ruth Klüger: Alle drei sind Holocaustüberlebende, die eine öffentlichen Zeitzeugenrolle angenommen haben und die unermüdlich versuchen, auf Unrecht aufmerksam zu machen, Erinnerungskultur und floskeln zu hinterfragen und die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Zugegeben, Anita Lasker-Wallfisch nutzt manchmal auch sehr drastische Formulierungen, aber immer nur zweckdienlich (ich durfte mal ihren Rollstuhl bei einer Veranstaltung schieben)

    Rosa Luxemburg und Clara Zetkin: Auch wenn ich mit beiden politisch nicht uneingeschränkt übereinstimme, kämpften sie darum, ihre politische Meinung zu vertreten. Luxemburg wurde deswegen ermordet, Zetkin musste ins Exil gehen.

    Die Souffagetten , die das Wahlrecht mit Demonstrationen, Straßenschlachten und politischem Druck durchgesetzt haben und dabei tw. verletzt oder deswegen inhaftiert wurden.

    Mein Chefin, Professorin an einer eher kleinen Universität, die sich für Studierende einsetzt und versucht die Universität zu einem besseren Ort zu machen. Sie hat einen Weg entwickelt, zum Beispiel im Colloquium deutlich zu machen, woran man noch arbeiten muss, ohne einen bloßzustellen, wie das häufig im Wissenschaftsbetrieb der Fall ist.

    Meryl Streep und Reese Witherspoon, weil sie Missstände benennen und versuchen sie zu ändern. Streep spricht sich sehr öffentlich gegen Rassismus, Sexismus und Machtmissbrauch aus und muss deswegen viel Gegenwind aushalten. Witherspoon hat z.B. eine eigene Filmproduktionsfirma gegründet, mit der sie Frauen im Film fördern will.

    Das ließe sich noch verlängern. Danke fürs Anstoßen!

      Marco Fechner

      (Februar 2, 2018 - 11:57 am)

      Hallo Karen,

      vielen Dank für Deine Gedanken. Ich glaube, ich werde mich mal mit ein paar Damen aus Deiner Liste befassen.

      Liebe Grüße,
      Marco

    Lea

    (Februar 1, 2018 - 9:39 pm)

    Carolin Kebekus ist mein Vorbild. Sie ist eine so starke Frau, die das ausspricht was andere nicht hören wollen. Sie vertritt ihre Meinung und hat mir schon in vielen Situationen Hilfe gegeben. Außerdem kämpft sie für Gleichberechtigung in Entwicklungsländern. Ich verstehe nicht wieso so viel Kritik an ihr ausgesetzt wird. Wir bräuchten mehr solcher Frauen…

      Marco Fechner

      (Februar 2, 2018 - 12:01 pm)

      Hallo Lea,

      vielen Dank für Deine Rückmeldung. Ich kann auch nur spekulieren, weshalb sie so viel Kritik trifft – einen Teil meiner Gedanken habe ich ja oben bereits geschildert. Andererseits ist sie selbst ja auch nicht unbedingt „zimperlich“, was ihre Art, Kritik zu äußern, anbelangt. Ich mag das, kann aber auch verstehen, dass das dann so auch ähnlich zurückkommt, solange es nicht in Gewaltphantasien, oder die allseits bekannte „hatespeech“ ausufert.

      Wir brauchen definitiv mehr Frauen, wie sie.

      LG,
      Marco

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