Interview mit Kai Lüftner

Anfang Dezember 2016 im kalten Berlin. Ich werde begleitet vom ersten Schnee in diesem Jahr und treffe einen leicht erkälteten Kai Lüftner zum Interview. Geplant war eine Stunde, am Ende wurden es fast drei mit sehr guten Gesprächen in beiderseitig sehr gepflegtem Berlinerisch, mit mehr Kaffee als gedacht (beiderseits schwarz!) und neuen Einsichten. Zum Beispiel der Einsicht, dass es Menschen gibt, die Rentierpullis tatsächlich würdevoll tragen können und dass ich das CD- und Kassettenregal meiner Tochter mal einer tieferen Inspektion unterziehen und es updaten werde.

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Kai Lüftner

geboren 1975 in Berlin, Kinderbuchautor und Musiker (und außerdem auch mal Erzieher und Sozialpädagoge, Streetworker, Konzertveranstalter, Radioredakteur, Werbe- und Liedtexter, Komponist, Pizzafahrer und Hausbesetzer). Außerdem: Vater, Ehemann und:

Stolzer Köpenicker.

Hallo Kai, schön, dass Du da bist, wie geht es Dir?

Eigentlich ganz gut, nur ein bisschen rotzig nach längerer Tourenzeit. Jetzt wo es ruhiger wird, holt sich der Körper halt, was er braucht.

Was macht für Dich den typischen Köpenicker aus?

Also zuerst einmal ist der Köpenicker natürlich der beste Berliner, das kann man schon mal so zusammenfassen. Kurz danach kommen die Pankower, mach‘ Dir also keine Sorgen Marco (lacht).

Der Köpenicker ist eigentlich die perfekte Mischung aus Großstädter und Landei und das gilt sowohl für die Alteingesessenen, als auch für die, die neu hierherkommen. Köpenick ist die ideale Mischung aus beidem: in 20 Minuten im Wald und in 45 Minuten am Alex (Alexanderplatz, Anm.)

Köpenick ist auch ein Künstlerviertel, oder liege ich da falsch?

Ja, es gibt so ein paar Enklaven, die insbesondere ältere Musiker anziehen, wie z.Bsp. Rahnhsdorf und Schöneiche. Dann noch Friedrichshagen als Dichterviertel. Ja, die Künstlerdichte ist hier recht hoch.

Du hast bei „Rotz’n Roll Radio“ mit ziemlich vielen Gastkünstlern gearbeitet. Hatte das was mit Deinem Bezirk zu tun?

Da waren natürlich auch Köpenicker dabei, aber die Verbindungen stammen hauptsächlich aus meinen bisherigen Tätigkeiten, in denen ich mit Synchronsprechern, Schauspielern und Comedians zu tun hatte.

Wann hast Du Dich nach all Deinen bisherigen Jobs für die Musik und für das Autorendasein entschieden?

Autor und Auftragstexter war ich ja schon länger bzw. reihte sich das in die anderen Jobs ein. Irgendwann bin ich Hörbuchbearbeiter geworden, was ja auch Textarbeit im weitesten Sinne ist. Zur Musik und Literatur für Kinder bin ich vor vier oder fünf Jahren durch meinen Sohn gekommen. Er ist jetzt sieben und damals bin ich auf dieses Thema gestoßen.

Dein Stil ist für Kindermusik recht unkonventionell…

Findest Du?

Mir ist zumindest noch keine Kindermusik-CD in die Hände gefallen, die mit Ska anfängt (Album „Rotz’n Roll Radio„, „Superjunge“, Anm.).

Mir ist wichtig, dass ich den Kindern und auch mir als Autor und Komponist zugestehe, dass mir das, was ich mache, auch wirklich gefällt und dass ich es nicht doof oder peinlich machen muss, nur, weil die Zielgruppe Kinder sind. Einen festgelegten Stil gibt’s auch im Grunde nicht, ich bin da vielseitig interessiert. In der Literatur geht das von Bukowski bis Kafka und in der Musik kann es auch mal Ludovico Einaudi, Erik Satie oder auch „System of a down“ sein. Dazwischen darf das gern stattfinden.

Was treibt Dich an in Deiner Kunst?

Am Anfang war das ganz klar der Bock, es ein paar Leuten zu zeigen. Als ich angefangen habe, meinem Sohn vorzulesen, hab ich mich oft ziemlich verarscht gefühlt, wenn es um die Inhalte ging. Und dann hab‘ ich mich gefragt, ob ich mich aufregen, oder es anders machen will.

Was meinst Du?

Ich habe das Gefühl, dass wir als Eltern, die die Bücher ja aussuchen, ausgespart werden. Ich bin im Osten groß geworden und da war die Literatur einfach eine andere: „Tom Sawyer und Huckleberry Finn“, Astrid Lindgren- oder Michael Ende-Bücher, Ottfried Preußler, James Krüss. Heute würde man wohl von „All age“-Literatur sprechen. Das sprach Familien an und ich glaube, dass das anders geworden ist. Die Zielgruppen wurden kleiner. Es gibt Literatur für Erstleser, Jungen- und Mädchenliteratur und als erstes wurde dabei an den Eltern gespart. Man hat den Eindruck, man müsse ein bisschen „Dididadadudu“ reinnehmen und dann ist es kindgerecht. Ich finde das bekloppt und dass das ein Geschmäckle hat. Ich möchte, dass die Eltern mit abgeholt werden und es tut einem Kinderbuch auch keinen Abbruch, wenn ein Kind nicht alles auf Anhieb versteht. Man muss nicht versuchen, alle zu erreichen, was ohnehin nicht möglich ist. Stelle mal zehn Sechsjährige in einen Raum: die werden alle anders sein und das ist auch gut so.

So kommen Kinder und Eltern auch nochmal in den Austausch…

Und so soll es ja auch sein! Und es stellt sich ja auch die Frage, wer entscheidet, welcher Stoff für welche Altersgruppe geeignet ist: wenn ich mir anschaue, dass „Ice Age“ FSK 0 hat, dann wundert mich das schon, da die Dialoge und der Wortwitz für Kinder oft nicht zu verstehen sind und auch die Bildsprache viel zu gigantisch ist. Das beißt sich mit meiner Vorstellung von „Altersgerecht“. Welcher Außenstehende soll das entscheiden?

Andererseits ist es natürlich schon so, dass Kinder auf Inhalte für Ältere zugreifen. Wieso hab‘ ich als Zehnjähriger eine Faszination für „Die Ärzte“ empfunden? Im Song „Ich weiss nicht ob es Liebe ist“ gab es die Zeile „Sie lag auf dem Bett und war ziemlich breit“ und ich habe die Zeile natürlich nicht verstanden, dennoch habe ich den Song genießen können. Und ich finde, dass man das herunteradaptieren kann auf Jüngere und dass man nicht sofort alles verstehen können muss.

Wenn ein Kind an etwas Interesse hat, dann fragt es sowieso, weil wir es gemeinsam konsumieren und wenn man es sich später nochmal anschaut oder anhört, fallen einem wieder neue Sachen auf. Man muss nicht alles so niedrigschwellig machen, dass Kinder sofort alles verstehen.

Mir geht das auf den Keks, dass man so übervorsichtig wird und versucht, allem und jedem gerecht zu werden. Das mag ich in der Literatur und in der Musik nicht und auch nicht als vernunftbegabtes Wesen. Man muss für mich, und das gilt auch für Kinder, nicht alles glatt machen.

kailueftner-13_verkleinertWir hatten das Thema im Vorgespräch: versuche mal, für ein Mädchen Klamotten zu kaufen, die nicht pink, gelb oder weiss sind. Das ist ziemlich durchnormiert. Das ist dann beim Kauf recht einfach, aber wird man damit dem Kind gerecht? Ich finde, das kann man auch auf andere Bereiche übertragen.

Dat sollte man auch auf andere Bereiche übertragen! Ich bin so ein Paradebeispiel: ich habe als Kind oft mit Puppen gespielt, aber das hat mich ja nicht mädchenmäßig gemacht. Ich hab das gemacht, weil ich es mochte. Ich finde es gut, wenn Jungs Ballett tanzen und Mädchen Fußball spielen können. Wir sprechen immer von der Offenheit, die wir haben, aber das Gegenteil ist der Fall: wir werden immer konservativer, immer bemühter und dagegen sträube ich mich mit Händen und Füßen, weil ich glaube, dass wir alle Individuen sind und dass man, so sehr man sich bemüht, niemals allen hundertprozentig gerecht werden kann und diese Erkenntnis befreit auch und macht locker.

Du hast ja ziemlich oft den Job gewechselt. Kennst Du so etwas wie Versagensangst?

Logisch. Wahrscheinlich war das sogar die größte Herausforderung, auch, wenn ich nicht so aussehe (lacht). Ich habe eigentlich das Gefühl, dass das jeden irgendwie betrifft. Ich kenne extrem viele auch prominente und im Leben stehende Leute, denen man privat und beruflich Erfolg attestiert, die aber auch alle den Freak auf der Schulter haben, der ihnen ab und zu mal da raufstupst und ihnen sagt, dass sie eigentlich nichts können und dass das auch bald alle merken werden.

Wichtig ist nur, dass man sich selbst im Annehmen übt und das ist auch derzeit eine meiner Hauptbaustellen: Annahme und Akzeptanz; Nämlich der Dinge, die man nicht ändern kann und vielleicht auch der Dinge, die einen verunsichern.

Annahme, in dem Fall Selbstannahme ist in Deinen Texten ja auch ein großes Thema. Was wäre denn für Dich ein Wert, den man Kindern heute vermitteln sollte?

Ganz klar: „Ich bin o.K. So, wie ich bin“. „Ich darf mich lieb haben“, denn ich denke, dass wir uns das heute in dieser entpersonalisierten Zeit eher abtrainieren durch die Gruppen und Strömungen, in denen wir uns bewegen und ich würde mich freuen, wenn ich den einen oder anderen in meiner Zielgruppe damit erreiche; Und da schließe ich Erwachsene ausdrücklich nicht aus. Ich selbst habe das erst recht spät gelernt. Ich halte Individualität und Authentizität für ein extrem hohes Gut einer freien Gesellschaft.

Du hast einen ziemlich guten Zugang zur Gefühlswelt von Kindern, das merke ich an Deinen Texten. Wie behält man sich den in diesen Zeiten, in denen man oft das Gefühl hat, sich nach außen abgrenzen zu müssen, statt sich zu öffnen, wie es Kinder können, bei?

Das weiss ich ehrlich gesagt nicht. Ich denke, ich werde durch mein Kind und die Erziehung immer wieder auf Dinge gestoßen, die ich vielleicht auch selbst irgendwann abgelegt habe. Im Moment mache ich eigentlich nicht viel Anderes, als Bücher zu schreiben und Lieder zu komponieren, die ich früher selbst gern gehört hätte. Mehr ist es nicht.

Andererseits bekomme ich das recht häufig gesagt. Das freut mich natürlich, andererseits wundert es mich etwas, weil ich natürlich vorher jahrelang durch meine Arbeit als Auftragstexter gelernt habe, bestimmte Formate oder Inhalte in einer bestimmten Form darzureichen (überlegt).

Es ist eine Mischung aus Handwerk und dem, worauf ich Bock hab und was sich gut anfühlt und den Rest lasse ich einfach. Mehr ist es nicht, aber ich werde das mal überprüfen (lacht).

Ich fühle mich auch selbst oft an die eigene Kindheit erinnert. „So war mal die Wahrnehmung“ und da merkt man dann auch, wie weit man sich selbst von seiner Kindheit entfernt hat.

Das macht man natürlich auch zwangsläufig und das macht man natürlich auch in dem Moment, in dem man eine bestimmte Message oder irgendwas Hochtrabendes erwartet. Mir wurde mal über „Rotz’n Roll Radio“ gesagt, dass das wie eine Ferienlagerfahrt ist, weil da alles drin ist…: „Geil, ich bin weg“, Heimweh, mal ’ne Ansage kriegen, verknallt sein, Nachtwanderung, bis in die Puppen wach liegen, da ist irgendwie alles dabei und so ist das Leben ja auch. Und so ist das auch, wenn man Kind ist, nur, dass sich Zeit anders anfühlt. Mit den Entwicklungen, die man durchmacht und den Verpflichtungen und da finde ich, dass neben schweren Themen wie „Tod“, „die Welt“ und „Politik“ auch Themen wie Furzen und Pupsen und Blödsinn machen dazugehören. Das gehört gleichberechtigt nebeneinander und dann ist man auch schon ziemlich nah dran, wenn man sich das erlaubt, denn wir zensieren uns ja im Grunde auch oft selbst: „Lieber nicht über den Tod sprechen“.

Ich will mir da keine Zensurinstanznen vorgeben, wenn ich mit meinem Sohn rede und ich will auch mal sagen können, dass ich ’nen scheiß Tag habe und dass es mir nicht gut geht und dass ich keinen Bock auf Halligalli habe oder „ich find doof, wie Du grad mit mir bist“.

Der Tod ist ja ohnehin ein gesellschaftliches Tabu über das kaum gesprochen wird.

Ja (überlegt). Mein Buch über den Tod („Für immer“, mit Illustrationen von Katja Gehrmann, Anm.) wurde von einigen Verlagen abgelehnt, weil sie der Meinung waren, das ginge nicht, aber am Ende wurde es mein erfolgreichstes Buch. Ich habe gemerkt, dass Kinder damit wesentlich offener umgehen, als wir Erwachsenen, was ich persönlich sehr sehr bewundernswert und toll und inspirierend finde und deshalb ist der Protagonist auch absichtlich kindlich (überlegt). Sterben gehört auch dazu und ich denke, es würde uns Erwachsenen gut tun, wenn wir damit einen anderen Umgang fänden.

In dem Moment, in dem man was Neues bringt und auch in Kauf nimmt, anzuecken, stellt man sich ja immer erstmal etwas abseits und riskiert, allein dazustehen, ob im Umgang mit Verlagen oder beim Publikum. Wie gehst Du damit um?

Ich hab damit keine großen Probleme mehr. Es ist mir durchaus passiert, dass Sachen abgelehnt wurde, aber da halte ich es mit dem Dalai Lama: wenn’s einfach geht, ist’s richtig und wenn’s schwer ist, muss man es im Zweifel annehmen. Als ehemaliger Punk und Hausbesetzer habe ich jetzt als 41-jähriger Mann auch keinen Schmerz, mich mal alleine zu fühlen und nicht von tausenden von Anderen, die alle meiner Meinung sind, flankiert zu werden.

In dem Moment, in dem man anfängt, Sachen zu produzieren, muss man einfach lernen, damit umzugehen, dass andere das doof finden können. Das ist o.K., so lange es nicht beleidigend wird, oder meine Arbeit in Grund und Boden geredet wird.

Es ist wichtig, in so einem Diskurs nicht immer die alleinige Wahrheit für sich in Anspruch zu nehmen und automatisch allen anderen zu attestieren, dass sie doof sind. Das ist ja auch individuelles Empfinden.

Ich hab wärend der Recherchen einen Beitrag im Netz gefunden, in dem Du die „Bude“ vorgestellt hast. Magst Du da ein paar Worte zu sagen?

Die „Bude“ ist ein supergeiles Projekt eines meiner ältesten und besten Freunde, Marek Bauer. Der hat ein Gelände, auf dem Jugendliche früher BMX-Rampen installiert haben und das Bezirksamt Container aufgestellt hat, peu á peu für Familien erschlossen. Das ist heute ein Gelände mitten in einem Neubaugebiet, auf dem ein Wohnwagen zur Waldkita umgebaut wurde und auf dem unter Anderem Kaninchen gehalten werden, auf dem es einen Lehmofen gibt und und und. Ich finde, das ist ein großartiges Beispiel für ehrenamtliches Engagement und ein Beweis dafür, dass auch verloren geglaubte Plätze wieder Früchte tragen und Leute zusammenbringen können. Das ist mittlerweile ein Generationenprojekt geworden, was ich natürlich per sé interessant finde.

Selbst, wenn ich sage, dass ich Sänger und Entertainer für Kinder bin, will ich natürlich auch die Eltern dabei haben, weil es mir wichtig ist, dass Eltern ihre Kinder nicht nur abgeben, sondern dabei sind und Spaß haben und das passiert da im Freizeitbereich. Da gibt’s auch Kinder, die mit ihren Großeltern Patenschaften für Kaninchen übernehmen oder ein Vater mal ’nen Zaun setzt, weil er Zimmermann ist, oder oder oder. Großartig!

Zum Abschluss noch eine Leserfrage von der 4-Jährigen „M.“ aus Pankow: „Was kannst Du besonders gut und was isst Du am liebsten?“

(lacht) Schwierige Frage, weil ich gerade meine Ernährung umgestellt habe. Bisher waren es immer Käsenudeln, aber jetzt… (überlegt). Ich esse gerne Obst. Das ist total gesund… Mandarinen und Melone mag ich sehr (schaut pflichtbewusst).

Und was kann ich besonders gut? Ich glaub, ich kann besonders gut mein Ding machen und anderen zeigen, dass es auch o.K. ist, sein Ding zu machen, ohne dass man auf die hört, die versuchen, einem die Träume auszureden oder die einen begrenzen oder beschränken wollen. Die gab es natürlich auch in meinem Leben, aber wenn ich auf die gehört hätte, wäre ich heute nicht so, wie ich bin. Und damit meine ich nicht „so erfolgreich“, sondern glücklich mit dem, was ich tue.

Ein wunderbares Schlusswort, vielen Dank!

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Zum Weiterlesen und Hören:

Kai seine Webseite für alle „Nasebohrer, Schreihälse und Popelschnipser“ (und auch deren Kinder) : Kailueftner.de

Facebookseite der „Bude“ Köpenick: Facebook.com/BUDE.Koepenick

Bericht und Fotos von der „Großen Rotz’n-Roll-Radioshow“ in der Wuhlheide Berlin

Interview mit Marek Bauer, Betreiber der Bude im Podcast des „Kulturhaus Fechner“

Post Author: Marco Fechner

Fotograf, Interviewer, Optimist, Kaffeetrinker. "Du bist, was Du tust."