Interview mit Roland Walter

Vor ein paar Wochen erhielt ich vom „Mein Haus am See“ die Anfrage, ob ich nicht mit Roland Walter, der zu dem Zeitpunkt dort Bilder ausstellte, ein Interview führen würde. Tatsächlich kannten wir uns bereits von Facebook, nicht aber persönlich, so dass sich wieder einmal eine tolle Gelegenheit ergab, jemanden aus der digitalen in die analoge Welt „zu holen“.

Roland leidet seit Geburt unter einer spastischen Lähmung, die ihn von Rollstuhl und Assistenzen abhängig macht. Was mich allerdings sowohl im Kennenlerngespräch, als auch bei meinen Recherchen schwer beeindruckt hat, ist sein davon unbeeindruckter Wille, seine Umwelt zu gestalten, sich auszudrücken, sei es durch die Fotografie, ein eigenes Buch oder Performances und sich immer wieder Wege zu suchen, um seine Ziele zu erreichen.

Ich habe sein sowohl inspirierendes, als auch nachdenklich machendes Buch „König Roland – Im Rollstuhl durchs Universum“ mit großer Freude gelesen und möchte es jedem empfehlen.

Er beschreibt autobiografisch sein Aufwachsen, seinen Umgang mit seiner Behinderung, die Reaktionen seines Umfeldes und die Wege, die er sich gesucht hat, um an dieser Gesellschaft teilzuhaben (und die er auch gefunden hat). Es gibt viele Möglichkeiten, ein solches Buch zu schreiben und er hat eine sehr gute gefunden: er hat bei mir Dankbarkeit erzeugt, ohne Mitleid zu wollen. Und er hat mich dazu gebracht, darüber nachzudenken, weshalb Behinderungen heutzutage immer noch ausgrenzen, selbst, wenn „hinter der Fassade“ ein Mensch steckt, der die halbe Welt bereist, ein Buch geschrieben, Ausstellungen fotografiert und Performances veranstaltet hat. Selbst, wenn hinter der Fassade jemand steckt, der als Inklusionsbotschafter aktiv ist und zahllose Hürden genommen hat, die ihm seine Behinderung auferlegt hat. Rolands Buch hat mir wieder einmal gezeigt, dass nichts selbstverständlich ist. Auch nicht, es irgendwann mal unbeschadet durch den Geburtskanal geschafft zu haben. Die Kunst besteht darin, etwas aus seinem danach folgenden Leben zu machen und darin ist er ein Meister.

Das Interview habe ich gern geführt. Wir haben uns hierfür zu einem späteren Zeitpunkt online verabredet. Einen Abend zuvor hatte er einen seiner Performanceauftritte.

(c) by Daniela Fricke

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Guten Morgen Roland, wie lief Deine Performance am Wochenende?

Sehr gut.

Erzähl doch mal bitte: was war das Thema der Performance und wie hast Du sie aufgebaut? Gab es eine einstudierte Choreografie?

Wir haben die Geschichte „Kaisers neue Kleider“ von Hans Christian Andersen in Form einer Performance erzählt. Dabei haben wir eine Choreografie einstudiert, welche wir gemeinsam erarbeitet haben. Es gab einen festen Ablauf. Am Anfang war ich mit den Mittänzern unter einem rotem Stoff versteckt. Nach und nach kamen wir heraus: erst der Kopf, dann Arme, dann der ganze Körper.

Wie viele Künstler haben auf der Bühne mitgewirkt?

Wir waren zu viert: Melanie WIdmann, (Tänzerin), Marion Sparber, (Tänzerin) und Lisa Simpson an der Nähmaschine. Sie hat uns auf eine sehr spezielle Art und Weise instrumental unterstützt.

Performance: „Between skin and earth“. Foto: Andrea Speer
Performance: „One“. Foto: Jürgen Dietrich

Wie hast Du die anderen Künstler für die Performance gefunden/kennengelernt?

Marion hatte mich bei einer Performance angesprochen, ob ich mir vorstellen könnte, mit ihr mal ein Stück zu machen. Melanie hat mich über Facebook kontaktiert und Lisa ist eine Freundin von Marion.

Du schreibst in Deinem Buch „König Roland“ davon, aufgrund Deiner Behinderung regelmäßig unterschätzt zu werden. Wie schaffst Du es, damit immer wieder umzugehen und wo nimmst Du die Geduld her, Deinen Mitmenschen immer wieder das Gegenteil zu beweisen?

Ich denke nicht viel darüber nach, sondern ich mach es einfach. Egal was man tut, die Leute reden eh über Dich. Und wenn du zu Dir selber stehst, dann nehmen Dich die Leute auch ernst. Und ich habe gute Freunde, die mich in schlechten Zeiten immer wieder motivieren,

Ich war sehr beeindruckt von all den Dingen, die Du in den vergangenen Jahren erreicht hast: ein Buch geschrieben, Du bist viel gereist, Du hast Deine Performances, bist Inklusionsbotschafter, Du hast Deine Fotografien ausgestellt, Studenten bei einem Dokumentarfilm über Dich unterstützt… Woher kommt dieser Antrieb/diese Kreativität und was hilft Dir, die Hürden zu nehmen, die Dir Deine Behinderung setzt?

Das eine ergibt sich aus dem anderen. Es ist wie eine Kette, die immer länger wird. Und durch die Vielfalt ergänzen sich die verschiedenen Bereiche. Die Ergebnisse ermutigen mich immer wieder neue Dinge auszuprobieren.

Du hast aktuell eine Fotoausstellung im „Mein Haus am See“ in Berlin. Was ist das Thema Deiner Ausstellung?

Meine Idee bei den Fotos war es die Natur mit den Menschen zu verbinden. Der Mensch hat sich von der Natur entfernt. Deshalb ist es mir wichtig mit der Ausstellung daran zu erinnern das der Mensch zur Natur zurück findet. Die Grundlage für das Fotoshooting waren alte Fotos wo ich besondere Bäume, oder auch ausgefallene Natur fotografiert habe. Diese wollte ich mit dem menschlichen Körper nachstellen.

Foto: Roland Walter

Sowohl bei Deinen Performances, als auch bei Deinen Fotografien geht es viel um Körperlichkeit, Bewegung und Natürlichkeit (Deine Modelle sind kaum geschminkt) und zum Teil stellst Du auch vermeintliche körperliche Makel in den Fokus. Wie suchst Du Deine Modelle aus und wie leitest Du sie an?

In der Gesellschaft wird immer wieder nach dem Idealkörper gesucht. Diesen gibt es nicht. Ich möchte mit meiner Kunst zeigen das jeder Körper schön ist. Jeder Körper hat seine Eigenart und Schönheit. Bei der Fotografie gebe ich dem Model kaum Anweisungen. Ich warte darauf bis das Model selbst bereit ist, sich zu zeigen. Es geht mir weniger um die Bilder, sondern mehr darum dass die Menschen ihren schönen Körper selbst entdecken.

Wie reagieren die Modelle auf Deine Behinderung, wenn sie Dich kennenlernen?

Ganz unterschiedlich. Manche haben große Hemmungen, sodass sie nach fünf Minuten wieder gehen. Das tut auf einer Seite weh, jedoch haben sich diese Vorfälle sehr reduziert. Heute ist es meist so, dass die Models erst mal Hemmungen haben, die sich aber sehr schnell abbauen, so dass sich ein gutes Miteinander entwickelt. Ich habe immer mehr Models, die mit mir langfristig arbeiten. Dadurch kann ich mehr aus den Models herausholen.

In Deinem Buch schreibst Du immer wieder, dass Dir Improvisationen in Deinem Leben oft dabei geholfen haben, Deinen Alltag zu meistern: seien es selbst gezimmerte Gehhilfen Deines Vaters oder gebogene Stäbe zum Schreiben auf einer Schreibmaschine. Wie fotografierst Du?

Zusammen mit einem Freund habe ich ein normales Stativ umgebaut, sodass ich es am Rollstuhl befestigen kann. Auf das Stativ kommt die Kamera. An die Kamera wird ein Fernauslöser angeschlossen.

Wie habt ihr die Waldaufnahmen gemacht? Ich schätze, dass man dort mit dem Rollstuhl nicht hinkommt, oder?

Mit etwas Abenteuer kommt man auch mit dem Rollstuhl überall hin.

Foto: Roland Walter

Was steht als nächstes Projekt bei Dir an?

Eine neue Performance „Die Haut, in der wir wohnen“. Diesmal in Kassel mit Deborah Smith-Wicke und Olaf Pyras.

Magst Du noch kurz beschreiben, worum es darin geht?

Um die Frage, wie die haut auf Einflüsse, Berührungen, Begegnung etc. reagiert.

Vielen Dank für das Interview, Roland!

Roland Walter wurde 1963 geboren, ist gelernter Kaufmann, engagiert sich als Inklusionsbotschafter, fotografiert, hat 2012 sein Buch „König Roland – Im Rollstuhl durchs Universum“ herausgebracht (kürzlich auch auf arabisch erschienen) und ist neben vielen anderen Dingen auch als performancekünstler aktiv. Demnächst ist er zu sehen:

Performances

24.03.2017, 20 h „Halle 2“, Grüner Weg 15-17, 34117 Kassel
25.03.2017, 19 h, „Neue Brüderkirche“, Weserstr. 26, 34117 Kassel (mit Workshop, 17.00h für Menschen mit und ohne Behinderung)
01.04.2017, 11 h, Staatsballett Berlin, Richard-Wagner-Str. 10, 10585 Berlin

Zur vollständigen Terminliste.

Rolands Küra

08.04.2017, 20 h, Theaterhaus Mitte, Haus C, Wallstraße 32, 10179 Berlin

Rolands Webseite: www.Roland-Walter.de

Portrait des MDR:

 

Eine Reportage von hna7:

 

Beitrag vom RBB über „König Roland“:

Post Author: Marco Fechner

Fotograf, Interviewer, Optimist, Kaffeetrinker. "Du bist, was Du tust."