Interview mit Dr. Christoph-Gérard Stein

Christoph-Gérard Stein, wurde 1971 in Goslar als Sohn einer Französin und eines Deutschen geboren. Er machte sein Abitur in

Frankfurt/Main, schloss ein Medizinstudium an und auch ab, promovierte und wechselte nach längeren Tätigkeiten als Humanmediziner in Lausanne (Schweiz) und Bensacon (Frankfreich) die Profession und ließ sich zum Schauspieler ausbilden. Seitdem lebt und arbeitet er in Frankfurt/Main, steht für Film und Fernsehen vor der Kamera, bespielt die Frankfurter Bühnen und wurde 2016 mit dem Hessischen Film- und Kinopreis in der Kategorie „Nachwuchs“ ausgezeichnet. Nachdem ich ihn im Frühjahr kennenlernte und im Sommer für ein Fotoshooting vor meiner Kamera hatte, bat ich ihn zuletzt um ein Interview.

Diesmal nicht persönlich, sondern online. Der Kaffee steht bereit, der PC ist eingeschaltet und im Chat wartet Christoph-Gérard Stein.

Hallo Christoph, schön, dass Du Dir die Zeit genommen hast!

Gerne doch !

Was ist schlimmer? Witze über Mediziner oder Witze über Schauspieler?

Ich finde beide völlig berechtigt, kann aber selbst keine Witze erzählen… Ich kann sie mir nicht merken. In den Witzen sind beide Berufsgruppen aber interessanterweise oft Alkoholiker.

Welcher Schauspielerische Traum ist so groß, dass man von der finanziell relativ sicheren Medizin ins künstlerische Fach wechselt?

Das ist eine gute Frage! Heutzutage ist aber nichts mehr sicher… Ich finde die Schauspielerei ist etwas, das mich brennen lässt, also eine Herzensangelegenheit, die Medizin ist eher eine „Kopfsache“, wenn auch eine wichtige Kopfsache.

Aber Mediziner werden zumindest irgendwo immer gesucht, das ist bei Schauspielern schon etwas schwieriger in meiner Wahrnehmung. Was war für Dich der Grund, Dich nach Studium und Promotion doch nochmal für die Schauspielerei zu entscheiden? Gibt es ein konkretes Ziel, dass Dich schauspielerisch antreibt?

Das stimmt, als Schauspieler muss man sich fortwährend bewähren und gegen andere, die immer größer werdende Konkurrenz durchsetzen. Als Mediziner hat man, wenn man erstmal einen Status erreicht hat, auch automatisch Anerkennung. Ich habe mich für die Schauspielerei entschieden, weil es eine Notwendigkeit war. Als Kind wusste ich schon, dass ich spielen will, hatte das aber längere Zeit aus den Augen verloren…

Das was mich antreibt, ist, dass ich Momente der Wahrheit (mit-)gestalten möchte.

Was meinst Du damit?

Als Schauspieler kannst Du echte Emotionen schaffen, Du kannst Dein Publikum mitziehen in andere Welten, in denen der Alltag und seine Zwänge vielleicht nicht mehr so allgegenwärtig sind und in denen der Mensch anfängt, wieder Kind zu werden… also unverstellt sein, wahrhaftig sein.

Das klingt sehr gesellschaftskritisch

Kann sein, ja… ich bin auch ein politisch denkender Mensch, aber hoffentlich nicht Pessimist. In einer globalisierten und sehr ökonomisch orientierten Welt gibt es leider viele Zwänge,
denen man sich nur bedingt entziehen kann.

Und die Schauspielerei ist dann ein zeitweiser „Entzug“, oder ein Appell?

Es ist hoffentlich ein Appell! Es soll ein Angebot darstellen, das Leben aus einer anderen Perspektive zu betrachten und zu bewerten. Und nein, kein Luxus, den sich nur wenige leisten können…

Die Stadt Deiner Wahl ist Frankfurt/Main, obwohl sie nicht gerade mit Bühnen und großen Produktionen gesegnet ist. Wo findest Du Deine Jobs?

Das stimmt, Frankfurt oder das RheinMain Gebiet ist nicht besonders für Film- und TV Produktionen berühmt… Allerdings ändert sich das gerade.

Hat Dir Deine vorherige Berufstätigkeit im neuen Job geholfen und gab es erworbene Kompetenzen, die Du in der Schauspielerei oder der damit verbundenen Freiberuflichkeit nutzen konntest?

Ja ganz sicher. Als Mediziner habe ich gelernt, zuzuhören! Eine ganz wichtige Kompetenz, die man auch als Schauspieler braucht. Ebenso eine Empathie für mein Gegenüber… Und ganz banal, kann ich auch ganz gut auswendiglernen. Was für mich auch von großer Bedeutung war und weiterhin ist, ist über die körperlichen Zusammenhänge und Funktionsweisen Bescheid zu wissen. Man kann aus dem körperlichen Ausdruck so viel über sein Gegenüber erfahren. Oft mehr, als über das, was gesagt wird.

Was ist für Dich anstrengender? Der stressige Alltag als Mediziner, oder die Ungewissheit der Freiberuflichkeit als Schauspieler?

Das für mich Stressige ist, mich optimal zu koordinieren, sprich Termine einzuhalten und dabei den Kopf einigermaßen frei zu halten und zu priorisieren.

Was interessant ist, wenn man die „Hirnhälftentheorie“ (ich nenne sie jetzt einfach mal so) berücksichtigt, die ja sagt, dass die Kreativen die eine und die gut Strukturierten die andere Hirnhälfte stärker nutzen und bei den meisten eine Seite stärker ist. Entsprichst Du da eher dem klassischen Mediziner, oder eher dem Kreativen?

Ich bin in allem kreativ, wahrscheinlich lässt sich das anhand von Typenanalysen auch genau bei mir nachweisen. Ich bin, denke ich, recht offen und denke über den eigenen Tellerrand hinaus. Auch als Mediziner.

Viele Menschen, die mit ihrem Job unzufrieden sind, sagen, sie würden sich gern etwas suchen, das für sie erfüllender ist. Wie geht man mit den Ängsten um, die so ein Wechsel verursacht und wie bereitet man sich auf den Wechsel im besten Fall vor? Hast Du eine Empfehlung?

Da sprichst Du was ganz wichtiges an! Viele stehen sich selbst ein wenig im Weg.
Ich bin ja auch ausgebildeter Systemischer Coach.

Und was kannst Du empfehlen?

Es ist meines Erachtens sehr wichtig sich einen möglichst unverstellten Blick auf das innere Kind zu verschaffen! Das sagt einem ganz klar, was man wirklich will! Ohne Zensur.

Wie findet man das, wenn man erstmal in der „Erwachsenenmühle“ aus Alltag und Verpflichtungen steckt?

Wir neigen dazu, unser Leben zuzumüllen mit allem möglichem und gerne auch mit Nichtigkeiten. Wir müssen anfangen, aufzuräumen. Was macht uns wirklich aus, was wollen wir in unserem Leben? Die Sehnsucht ist doch bei uns allen da, wir trauen uns vielleicht nicht genug.

Kann systemisches Coaching helfen?

Ja, unbedingt! Es nimmt den Menschen mit seinem ganzen Sein und in seinen Systemen, beruflich wie privat auf und eröffnet neue Möglichkeiten. Es wird nichts übergestülpt, es wird nicht im Vorgarten des anderen getrampelt sondern mit großer Achtung und Respekt nach Optionen Ausschau gehalten. Der Coach ist dabei nur Begleiter, der Klient selbst ist der Experte in seinem eigenen Leben. Der Coach schafft nur ideale Rahmenbedingungen für den Klienten.

Mir ist aufgefallen, dass Du Fernsehen und Medizin immer mal wieder verbindest (Auftritte in medizinischen TV-Formaten, Kurzfilme mit medizinischem Bezug, Vorträge vor Fachpublikum). Würdest Du das „Multijobben“, also das Kombinieren mehrerer Jobs gleichzeitig grundsätzlich empfehlen?

Für mich hat es sich so ergeben, es fühlt sich auch richtig an, aber jeder tickt anders.  Für den einen oder andren mag es besser zu sein, sich auf nur eines zu konzentrieren.
Hinsichtlich der schwierigen Situation als Kreativer ist es sicher nicht verkehrt, auch ein zweites Standbein zu haben.

Welche Deiner Eigenschaften funktionieren sowohl in der Schauspielerei und Medizin?

Also ich schätze mich als recht einfühlsam ein, als unkompliziert, also Teamplayer. Ich bin zuverlässig und recht stressresistent und kann mich in ungewohnten Situationen schnell zurechtfinden… Klingt nach Stellenbeschreibung… 😉

Siehst Du Dich langfristig hauptsächlich in einer der beiden Branchen, oder bleibst Du bei Beidem?

Ich möchte noch einige Zeit in beiden Bereichen arbeiten, aber auf Dauer werde ich mich zumindest eine ganze Zeit auf eines konzentrieren müssen, aber ich freue mich schon darauf… Also auf das Spielen.

Was willst Du beruflich hinterlassen?

Ich möchte gerne körperlichen Ausdruck, wie man ihn in der Medizin nur aus pathologischer Sicht beobachtet, auch aus nicht pathologischer Sicht im Schauspiel verstärkt vorantreiben, als authentisches Bewegen.

Gibt es dafür ein Beispiel oder Vorbild?

Klingt jetzt sehr theoretisch, ich meine damit, das man das was man fühlt und denkt unmittelbar zum Ausdruck bringt… Das ist nichts Neues, es gibt da auch aus dem Tanz viele Ansätze.  Michael Fassbender zum Beispiel zeigt, wie es gehen kann.

Christoph, ich danke Dir!

 

Zum Weiterlesen:

Christoph’s Webseite: Christophstein.com

Christoph’s Fotoshooting mit Marco Fechner in Frankfurt/Main

Post Author: Marco Fechner

Fotograf, Interviewer, Optimist, Kaffeetrinker. "Du bist, was Du tust."