Zeit haben.

 

Ich liege auf der Wiese, schaue über die Grasspitzen hinweg und beobachte meinen Großvater, wie er in der Ferne dieses für einen Zehnjährigen schier riesigen Gartens seinen etwas altersbehäbigen Rasenmäher lärmend über die Wiese schiebt. Die Sonne scheint vom Himmel, es ist irgendein Sommer in den 1990ern, die Tage sind unendlich lang und im besten Wortsinn sinnlos und ich habe Zeit. Ich verliere mich in Details. Der Duft des immer näher kommenden frisch gemähten Rasens steigt mir in die Nase, die Sonne scheint mir warm ins Gesicht und wenn der altersschwache Rasenmäher wieder und wieder ausgeht, höre ich zwischendrin die Gänse vom Nachbarn mit selbigem um die Wette zetern. Man sagt, er hätte im Krieg den Verstand verloren und seitdem wohnte er im Garten nebenan in einer Art Schuppen, den er sich mit einem Schaf teilte.

Wochenenden bei Oma und Opa waren toll. Opa hat irgendwann immer das Schwimmbecken vollaufen lassen, Oma hat Limonade und (mit Thermobottich) Eiscreme im Konsum besorgt und manchmal schmiss Bruno (so hieß der verschrobene Nachbar) ein paar Gänsefedern rüber, aus denen Opa mir Indianerschmuck knüpfte, mit dem ich dann („Aber nich‘ damit in’n Pool!“) durch den Garten gerannt bin. Hätte es damals schon Instagram gegeben, hätte man die Fotos wohl betiteln müssen mit #Sunshine #Glückzudritt #Gänsefederaction #GänseblümchenvomEnkelimSchnapsglas #Indianerspaß und #Wassermann, aber zum Glück hatte Oma damals Zeit für Anderes. Zum Schmieren von Käsebrötchen beispielweise.

Mehr als 20 Jahre später sitze ich an einem Sonntagmorgen um 6 Uhr vor meinem Rechner und tippe diese Zeilen, nachdem ich die nächsten Ausgaben für den Podcast geschnitten habe. Die Tage haben im Gegensatz zu den damaligen Sommertagen meist einen definierten Sinn, aber die Zeit wird gefühlt immer weniger. Was machen wir eigentlich mit der Zeit, die wir sparen, wenn wir „LG“ in unsere „Instant messages“ schreiben, statt „Liebe Grüße“?

Ich bin kein Fan von „früher war alles besser“, weil ich glaube, dass es vor Allem an uns selbst liegt, wie wir trotz aller Veränderungen mit unserer Umwelt umgehen. Ich habe festgestellt, dass wir es durch die Hektik, die wir uns machen, oft nichtmal mehr schaffen wollen, unserem Gegenüber in die Augen zu schauen. Beobachte mal Fahrgäste in den Öffentlichen Verkehrsmitteln oder Kunden von Supermärkten an der Kasse beim Bezahlen.

Ihren Garten haben meine Großeltern irgendwann abgegeben, weil er zu anstrengend wurde und ihn gegen einen gut bepflanzten Balkon eingetauscht, damit auch Zeit zum miteinander im Gespräch bleiben bleibt. Ich finde das schlau.

Heute habe ich nach einer arbeitsreichen Woche wieder Zeit gehabt für Details. Frau und Kinder schliefen, die Nacht verdunkelte alles, was nicht wichtig war, ich konnte mich in den Eulenmodus begeben und um den Podcast kümmern, ein paar Gedanken in diesen Blog tippen und mit Muße zwei Tassen Kaffee dabei trinken. Ich bin glücklich. Und müde. Und plane schon wieder die nächsten Gespräche mit Leuten und deren Themen für die Frage, wie wir zusehen, dass wir nicht langsam auch ohne Krieg den Verstand verlieren.

Gute Nacht.

 

Post Author: Marco Fechner

Fotograf, Interviewer, Optimist, Kaffeetrinker. "Du bist, was Du tust."

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